Perspektive: Pflege beginnt vor der Haustür

Lesedauer: 2-3min; Ein Erfahrungsbericht von Barbara Klein-Braun.

Barbara Klein-Braun, Vorsitzende der Grauen Grünen Saar und stellv. Vorsitzende Landesvorsitzende des BÜNDNIS 90/Die Grünen Saarland.

Pflege beginnt vor der Haustür und deshalb ist sie kommunalpolitisch.

Seit sieben Jahren pflege ich meinen Mann. Mit der Diagnose Alzheimer hat sich unser Leben grundlegend verändert. Vieles geschah nicht abrupt, sondern schleichend: kleine Unsicherheiten, zunehmende Orientierungslosigkeit, wachsende körperliche Einschränkungen. Heute helfe ich ihm beim Aufstehen, beim Waschen und beim Anziehen. Ich organisiere Arzttermine, kontrolliere Medikamente und gebe ihm Halt in einer Welt, die für ihn immer weniger verlässlich erscheint.

Ich bin seine Ehefrau und zugleich seine Pflegekraft.

Doch ich spreche nicht nur als Betroffene. Ich spreche auch als Kommunalpolitikerin. Denn die Frage, ob Pflege zu Hause gelingt, entscheidet sich nicht allein in Berlin oder in den Pflegekassen. Sie entscheidet sich ganz konkret vor Ort, in unseren Städten und Gemeinden, in unseren Quartieren und in unserem unmittelbaren Umfeld.

Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden in Deutschland zu Hause versorgt. Das bedeutet: Pflege findet mitten im kommunalen Leben statt. Sie ist Teil unserer Nachbarschaften, unserer Infrastruktur und unserer sozialen Netze. Genau deshalb ist sie eine kommunalpolitische Aufgabe.

Ob Pflege zu Hause möglich bleibt, hängt nicht nur vom Pflegegrad oder vom Engagement der Angehörigen ab. Es hängt davon ab, ob Gehwege barrierefrei sind, ob der öffentliche Nahverkehr zuverlässig fährt, ob es wohnortnahe Tagespflegeplätze gibt und ob Beratungsstellen erreichbar sind und kompetent unterstützen. Ebenso entscheidend sind Orte der Begegnung, die Isolation verhindern, sowie Netzwerke, die im Notfall tragen.

Pflege ist damit auch Infrastrukturpolitik.

Als Kommune entscheiden wir über Bauleitplanung, über Wohnformen, über Quartiersentwicklung und über die Unterstützung sozialer Träger. Wir setzen Prioritäten im kommunalen Haushalt und gestalten Rahmenbedingungen. Natürlich können wir nicht jede strukturelle Ungerechtigkeit allein beheben. Aber wir können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Pflege nicht zur Überforderung wird und Angehörige nicht ausbrennen.

Ich erhalte 765 Euro Pflegegeld im Monat. Rechnet man die tägliche Pflegezeit mit etwa sechs Stunden um, entspricht das ungefähr vier Euro pro Stunde. Zum Vergleich: Eine Stunde Betreuung durch einen professionellen Pflegedienst kostet je nach Region und Leistung zwischen 40 und 60 Euro. Selbst wenn nur ein Teil der Pflege von Fachkräften übernommen würde, zeigt diese Rechnung die enorme Unterbewertung der Arbeit pflegender Angehöriger. Außerdem erspare ich dem System mit meiner Pflege mehrere tausend Euro monatlicher Heimkosten. Diese Diskrepanz verweist auf eine unbequeme Wahrheit: Unser Pflegesystem funktioniert zu einem großen Teil, weil Angehörige einspringen, häufig Frauen.

Wenn Angehörige die Pflege nicht leisten können, greifen Sozialleistungen wie die Hilfe zur Pflege. Diese Leistung belastet heute schon die Sozialkassen erheblich und zeigt, dass das System ohne die unbezahlte Arbeit der Familien schnell an seine Grenzen gerät. Die Pflegeversicherung funktioniert nur, weil pflegende Angehörige einen Großteil der Versorgung übernehmen. Würde diese Arbeit vollständig ersetzt, stiegen die Kosten für den Staat um ein Vielfaches.

Unsere Gesellschaft altert. Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst, während familiäre Strukturen fragiler werden. Gerade deshalb muss Pflege als Querschnittsaufgabe verstanden werden, in der Stadtentwicklung, in der Sozialplanung, in der Wohnungsbaupolitik und in der kommunalen Haushaltsdebatte.

Ich pflege meinen Mann aus Liebe. Wenn wir wollen, dass Menschen würdevoll zu Hause alt werden können, dann müssen wir die Kommunen so gestalten, dass Pflege möglich bleibt, ohne Isolation, ohne dauerhafte Überlastung und ohne soziale Abstiegsrisiken.

Pflege beginnt vor der Haustür. Und genau deshalb beginnt Verantwortung im Rathaus.